Samstag, 5. Mai 2012

Wie man eine Mozartoper kaputtmacht

Und jetzt: Oper. Calixto Bieito inszeniert die Entführung aus dem Serail von Mozart an der Komischen Oper. Nein, falsch. Alles auf Anfang. Er macht sie kaputt. Das kann er wirklich gut. Kaputtmachen! Die Oper besteht aus wunderschöner Musik und einem unplausiblen, an den Haaren herbeigezogenen Libretto (die große Liebe und Frauenversklavung, die am Ende mit einem bekehrten Täter endet). Bieito verlegt die Geschichte in einen Puff, in dem Gewalt gegen die Sexarbeiterinnen das tägliche Leben bestimmt und in dem Constanze vom Zuhälter zur Prostitution gezwungen werden soll. 
Die Geschichte funktioniert über die Empathie mit den Hauptfiguren, den Liebenden, die alles wagen, um die Frauen aus der Versklavung zu retten. Bieito zerschlägt das Mitgefühl, indem er die Liebenden  auf der Flucht die Prostituierten in einem Massenmord hinrichten lässt. Die Musik, die Erlösung verheißt, läuft damit ins Leere. Die Oper ist zerstört. Bravissimo, maestro!
komische oper berlin
Unter den Linden 41
10117 Berlin
http://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/die-entfuhrung-aus-dem-serail/

Donnerstag, 3. Mai 2012

Aquarelltöne und Kronleuchter

Einer der kreativen Modedesigner ohne den finanziellen Background eines Labels ist Eberhard von Knobloch in der Chausseestrasse. D.h. keine PR-Agentur, keine Presseinformationen, kein Bildmaterial. Dafür ein Geheimtipp.
Die Entwürfe bestechen durch eine eigene Farbpalette verwaschener, aquarellartiger Farbtöne und einem schlichten Design. Die Blusen (Herr von Knobloch nennt  sie "Hemdchen") sind häufig ohne Kragen und Ärmel. Die Röcke sind kurz, enden auf dem Oberschenkel. Der Schnitte lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den Stoff, sein Muster, seine Farbigkeit und die Persönlichkeit der Trägerin.
Herr von Knobloch hat als Kostümbildner für das (Tanz) -theater gearbeitet. Irgendwann fehlte der Bezug zur Straße und er beschloss, sich selbständig zu machen. Anfangs lief der Vertrieb über Drittläden, bis auch dies dem Designer zu wenig Kontakt zu seinen Kunden war und er selbst den kleinen Laden in einem schönen Altbau in der Chausseestraße eröffnete.
Eberhardt von Knobloch
Mode
Chausseestr. 116
10115 Berlin
T: 030-24724006
www.atelier-evk.de

Mittwoch, 2. Mai 2012

Die Dialektik des wirtschaftlich-rationalen Handelns und eine lederne Hirschkuh



Hérmes zeigt Petit h in ihrem neuen Flagship Store am Kurfürstendamm, Objekte (Kommoden aus Stoff und Lederbezug mit Handtaschengriffen aus den 1920ern, eine Hirschkuh aus Handtaschenleder, ein Origamibär aus Kalbsleder in Orange). Eine Ausstellung, die Hérmes um den Globus schickt (in New York und Tokio war sie schon). Die Objekte haben keinen Gebrauchswert, sind aber auch keine Kunstobjekte. Die Preise sind sechstellig, entsprechen dem Kaufpreis zweier Mercedes E-Klasse Limousinen. Die Käufer müssen eine besondere Wertschätzung für die Materialien aufbringen, die Hérmes verwendet und bereit sein, dafür tief in die Tasche zu greifen. Denn ob sich ein derart hoher Verkaufspreis jemals wieder erzielen lassen wird, ist fraglich.
Möglicherweise ist das der wahre Luxus: Etwas zu einem horrenden Preis zu erstehen, das so gut wie keinen Wiederverkaufswert hat. Man könnte sagen, es handele sich um einen antithetischen Akt zu jenem sonst das Verhalten dieser Einkommensklasse bestimmenden wirtschaftlichen Verhaltens.
Hérmes Flagship Store
Petit H
24. April-2 Mai 2012
Kurfürstendamm 58
10770 Berlin
(Fotos: Hérmes)

Der Mantel, der Gehrock und der Zylinder von Herrn Hagenbeck

Hagenbeck, ein erfolgreicher Vergnügungspark(Zoo)betreiber der Jahrhundertwende, der mit dem Import von wilden Tieren ein Vermögen gemacht hatte und der noch mehr Geld machen wollte. Er kam auf die grandiose Idee, in seinem Tierpark ein Bambushüttendorf errichten zu lassen, so wie er es in Afrika gesehen hatte im Gegensatz zu den meisten seiner Hamburger Mitbürger. Und um das ganze belebter zu machen oder weil er mit lebenden Wesen schon immer den größeren Erfolg gehabt hatte, importierte er eine Gruppe Schwarzer, ließ sie in Leopardenfellen und Lendenschurz in den Hütten mitten im Tierpark wohnen. Die Hamburger nun drängten sich am Rande des sonst für wilde Tiere vorgesehenen Geheges und drückten und schubsten, um die wilde Rasse zu sehen.
Das ganze brachte Herrn Hagenbeck eine schöne Stange Geld ein, ganz anders als das Occupylager auf der Berlin Biennale.
7th Berlin Biennale
for Contemporary Art
28. April - 1. July 2012
www.berlinbiennale.de

Montag, 30. April 2012

Totentanz, Endzeitphantasie und Hochgeschwindigkeitsfotografie

Michael Wutz zeichnet mittelalterliche Wimmelbilder voller Knochen, Massengräber, Totentänzer, Übersichtlandschaften des Todes, wie sie zur Zeitstimmung passen mögen.
Adrien Missika spielt mit der Hochgeschwindigkeitsfotografie der Wissenschaft und dem Super 8 Medium, das bei vielen anderen Künstlern plötzlich ebenfalls eine Renaissance erlebt.
Joanna Rajkowska begleitet die Geburt ihrer Tochter Rosa mit einem Zeichnungszyklus voller Collagen und Kommentaren. Bei ihr erlebt die polnische Fantasie des erneut zerstörten Berlins eine Neuauflage. Dabei zieht Berlin seit einiger Zeit wieder Gelder großer Investoren an. Es werden Hochhäuser gebaut (endlich) und es entstehen überall Neubauten, wo die Grenzziehung und die Kriegszerstörung bisher Brachland hinterlassen hatte.
Aurel Scheibler
Michael Wutz: The Heavy Spring Rains of 1769, Pawtuxet
Charlottenstr. 2
10969 Berlin
Galerie Crone
Adrien Missika: The Sun is Late
Rudi-Dutschke-Str. 26
10969 Berlin
Zak-Branicka
Joanna Rajkowska: Born in Berlin
Lindenstr. 35
10178 Berlin

Custerbildung, BMW Sponsoring und Königsmord

 Die gediegensten Räunmlichkeiten haben sich die Galerien rund um die Auguststraße und die Oranienburger Straße eingerichtet. Die Galerien an der Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte bespielen Fabriketagen oder ehemalige Lagerräumlichkeiten. Vereinzelt stehen die schwarzen Shuttle BMWs des Gallery Weekend Sponsors vor den Galerietüren und warten auf Passagiere. Die meisten der wenigen Besucher laufen bei der sommerlichen Wärme lieber die paar hundert Meter zum nächsten Galerien Cluster. Einige wenige Galerien liegen weiter außerhalb.
Gallery Weekend Berlin 2012
Galerien in Mitte und Kreuzberg
www.gallery-weekend-berlin.de

Der Museumseffekt

Die Sprüth Magers Galerie ist eine Kathedrale. Vier Stockwerke hoch ist der Raum, in dem die Galerie Arbeiten zeigt. Vier Stockwerke in einem Neubau wohlgemerkt an der Oranienburger Straße. Egal was in diesem Raum hängt, steht, läuft, flackert, bekommt Aura- der Museumseffekt eben.
Ähnlich beeindruckend sind die Etagengalerien  von Camera Work und Michael Fuchs in der ehemaligen jüdischen Schule. Weiß gestrichene Wände, Klassenräume, in denen ein bis zwei, manchmal drei große Bilder hängen.
Gallery Weekend Berlin
Michael Fuchs Galerie
Camera Work
Auguststr. 26
10117 Berlin